Die landschaftsbeherrschende Gestalt von Burg und Stadt Münzenberg ist in der
Wetterau allenfalls noch mit dem Nauheimer Johannisberg oder der Burg Friedberg
zu vergleichen. Münzenberg und Friedberg verdanken ihre Entstehung dem Ausbau
der Wetterau als Reichsterritorium durch die Staufer im 12. Jahrhundert. Während
Friedberg das Zentrum der Wetterau besetzte, hatte Münzenberg den Zugang aus nordöstlicher
Richtung zu sichern. Die Bauherren der Burg Münzenberg kamen aus dem Reichsministerialengeschlecht
von Hagen-Arnsburg. Conrad II. tauschte um die Mitte des 12. Jahrhunderts den
nahe Arnsburg gelegenen Münzenberg aus dem Besitz des Klosters Fulda, um dort
mit der Anlage der neuen Burg zu beginnen. Seit 1165 wird der Sohn Conrads II.,
Cuno I., mit dem Namen von Münzenberg überliefert. Als sicher kann gelten, dass
bereits zusammen mit der Burg Münzenberg in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts
eine erste Ansiedlung für Burgmannen, Handwerker und Händler entstand. Ihre Lage
war südlich des Burgberges, seit 1256 wurde sie als antiqua civitas von der nova
civitas auf der Nordseite der Burg unterschieden. Die nova
civitas gruppierte sich um eine später zur Pfarrkirche erweiterte Kapelle aus der 2.
Hälfte des 12.
Jahrhunderts, so dass sie nicht wesentlich jünger als die antiqua civitas sein kann.
Die Überlieferung Münzenbergs als Stadt geht auf das Jahr 1244 zurück. Eine Ummauerung der beiden Stadtareale im Süden und im Norden der Burg war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon durchgeführt. Im Norden umgab die Stadtbefestigung neben den Baublöcken um die schon angesprochene Kapelle auch das Gebiet um den länglichen Marktplatz, der bereits als erste Etappe einer Stadterweiterung angesehen wird.
Das Aussterben der Münzenberger im Mannesstamm 1255 fiel mit dem Untergang der Hohenstaufer zusammen, der mit einer schwindenden Kraft der zentralen Reichsgewalt einherging. In Münzenberg folgte auf die anfängliche Zersplitterung des ehemaligen Reichsministerialenbesitzes in sechs verschiedene Teile die Doppelherrschaft der Grafen von Hanau und Falkenstein. Die Teilung des Münzenberger Erbes verhinderte zwar eine eindeutige Vormachtstellung der Falkensteiner oder Hanauer in der Wetterau, wirkte sich auf die Entwicklung der Stadt Münzenberg selbst vorerst nicht lähmend aus. Dem Stadtkern mit Mauerring sollen sich noch im 13. Jahrhundert im Norden entlang des Steinwegs und im Westen entlang der Eicherstraße Erweiterungen angeschlossen haben, die in Form von Haingräben nochmals eigens gesichert wurden. Die Ansiedlung eines Hospitales - im Erweiterungsgebiet des Steinwegs -, die Niederlassung von Juden, die Einrichtung eines Viehmarktes sind alles Ereignisse noch des 13. Jahrhunderts, die städtisches Leben belegen. Dessen förmliche Bestätigung war die Verleihung von Frankfurter Stadtrecht an die Münzenberger Bürger durch die Grafen von Falkenstein als Münzenberger Stadtherren im Jahre 1304.
Unverkennbares Zeichen der Falkensteiner Stellung in Münzenberg war deren neuer
Palas auf der nördlichen, zur Stadt gelegenen Seite der Burg, der ebenfalls noch
aus dem 13. Jahrhundert stammt. Der Erwerb Butzbachs durch die Falkensteiner aus
hanauischem Besitz Anfang des 14. Jahrhundert mit der folgenden Stadtrechtsverleihung
an den etwas günstiger an den nordsüdlichen Verkehrsverbindungen gelegenen Ort
deutet eine Verlagerung des Wirtschaftsgeschehens zu Ungunsten Münzenbergs an.
Einen weiteren Bedeutungsverlust zog das Aussterben der Falkensteiner 1418 nach
sich. Ihnen folgten in Münzenberg neue Stadt- und Burgherren aus den gräflichen
Häusern Solms, Eppstein und Sayn-Isenburg. Der Eppsteiner Anteil kam im 16. Jahrhundert
an Stolberg und dann vorübergehend an das Mainzer Erzbistum. Die Vielzahl der
Grundherren ließ den Wert von Burg und Stadt sinken. Die Burg war nicht mehr zur
Verwirklichung territorialstrategischer Zwecke geeignet, die Stadt als Einnahmequelle
durch das erforderliche Teilen nicht sonderlich ertragreich. Um 1500 erhielt die
Burg einen letzten Ausbau ihrer Fortifikation, aber bereits Anfang des 30-jährigen Krieges war sie nicht mehr unterhalten. Bezeichnend für das Schicksal Münzenbergs
ist der Wandel der "Altstadt" im Süden der Burg von einer Burgmannenansiedlung
zu einem Gutshofareal (Hattsteiner Hof), so wie der gesamte Ort trotz seiner städtischen
Elemente (Ummauerung, Hospital, Marktplatz mit Rathaus) einen bis in die Gegenwart
fortwährenden dörflich-bäuerlichen Charakter angenommen hat.
Im 19. Jahrhundert, als Münzenberg in zwei Etappen dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt eingegliedert wurde (1806 und 1810), kam Burg Münzenberg schnell der Rang eines bedeutenden Denkmals zu. In der Publikation "Denkmäler der deutschen Baukunst" wird sie ausführlich abgehandelt. Die darin enthaltene wissenschaftlich-bautypologische Darstellung wird ergänzt durch freie Zeichnungen, die die Burg in romantisch-ästhetisierender Art zusammen mit der Stadt und der umgebenden Landschaft vorführen.
Bis heute wird gerne auf diese Sichtweise zurückgegriffen, wenn es darum geht, nicht nur ein Bild Münzenbergs vorzustellen, sondern auch ein Symbol für die Identität der Wetterau als Ganzes. Der frühen historischen Würdigung Münzenbergs durch Moller folgten in unserem Jahrhundert Karl Gruber mit einer zusammenfassenden Beschreibung von Burg und Stadt (hrsg. 1968) sowie die Dissertation von Günther Binding über die Burg Münzenberg aus dem Jahre 1963. Noch in der Gegenwart verfügt Münzenberg über eine historische Aura, die sich nicht zuletzt der Lage abseits der Hauptverkehrsadern der Wetterau, der Bahnlinie Frankfurt-Kassel, der B 3 und der Autobahn Frankfurt-Kassel verdankt.
Gesamtanlage Münzenberg
Als im Kern romanische Burg mit ungefähr gleichzeitiger, planmäßig ausgeführter Stadtgründung ist Münzenberg ein herausragendes Geschichtsdenkmal der Wetterau. Burg und historisches Stadtbild gehen mit der umgebenden Landschaft eine Verbindung ein, in der jüngere Bebauung nur im Norden und Osten eine geringfügige Rolle spielt. Zur Wahrung dieses prägnanten Siedlungsbildes sind die Obstgärten nordwestlich der Stadt sowie das südliche Vorfeld der Burg als denkmalpflegerische Interessengebiete ausgewie-sen, die auch zukünftig von zusätzlicher Bebauung freizuhalten sind.
Für die Abgrenzung der Gesamtanlage im Bereich der Burg war die äußere Ringmauer, die das an die natürliche Geländebeschaffenheit angepasste Oval der inneren wiederholt, eine gebotene Orientierungslinie. Einbezogen wurde ferner der westlich vorgelagerte "Hirschgarten", ein seit der frühen Neuzeit überlieferter Tiergarten, dessen Einfriedung durch eine Bruchsteinmauer teilweise noch erhalten ist.
Von der ersten Burgmannen-Siedlung im Süden der Burg sind nur noch Fragmente
ihrer Ummauerung und ein Torbau ("Altstädter Pforte") anzutreffen. An die Stelle
der einst geschlossen bebauten Fläche ist das offene Geviert eines Gutshofes getreten,
der aus dem solms'schen Besitz an Burg und Stadt Münzenberg hervorgegangen ist.
Seine Herrenhäuser und Wirtschaftsbauten schließen die Münzenberger Gesamtanlage
im Süden ab. Nördlich der Burg ist zwischen dem Kerngebiet der Stadt und den linearen
Erweiterungen Richtung Norden und Westen zu unterscheiden. Der Stadtmauerverlauf
als Grenze zwischen den angesprochenen Arealen ist durch erhaltene Mauerfragmente
und Türme, Gebäudestellung, Parzellen- und Wegeverlauf noch nochvollziehbar.
Der historische Stadtkern im Norden der Burg gruppiert sich um den Kirchhof und den Marktplatz. Größe und Regelmäßigkeit des mit der ersten Münzenberger Kapelle noch im 12. Jahrhundert angelegten Kirchhofs verdeutlichen den mit der Stadtgründung verfolgten Anspruch. Der östlich benachbarte Marktplatz, der auch dem frühesten Entwicklungsstadium der Stadt zuzuordnen ist, hat einen länglichen, nach Süden sich öffnenden, trapezförmigen Grundriß. Das Rathaus auf der Südseite des Marktplatzes stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, ein Vorgängerbau wurde bereits aus spätmittelalterlicher Zeit überliefert.
Die Blöcke um Kirchhof und Marktplatz sind mit Gehöften bebaut. Die aufgehenden historischen Gebäude stammen im Einzelfall aus dem späten Mittelalter, meistens aber aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Dasselbe gilt für die Stadterweiterungen entlang der Eichergasse und des Steinwegs. Sie erhielten durch Pfortenbauten und Haingräben eine eigene Befestigung, die sich gegenwärtig aber allenfalls noch als Wegeführung abzeichnet (z.B. westlich des Steinwegs). Die Steinweg-Bebauung erstreckt sich als Einstraßen-Anlage auf einem Schlepphang, der vom Burgberg allmählich Richtung Wettertal abfällt. Die prägnante Gerichtetheit der Stadterweiterung trägt neben der Burg wesentlich zur Unverwechselbarkeit des Münzenberger Stadtbildes bei. Im Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler (Dehio) wird der Steinweg "mit seinem regelmäßigen Wechsel von dicht gedrängten Hausgiebeln und hohen Toren" als "eine der schönsten Straßen Oberhessens" charakterisiert. Im Vergleich zum Steinweg fällt die nach Westen gerichtete Erweiterung der Eichergasse fast etwas ab. Obwohl in der Anordnung und Gestalt der Gehöfte dem Steinweg ähnlich, fehlt ihr eine städtebauliche Kulmination. Im Steinweg ist sie durch den Hintergrund der Burg, den Landschaftsbezug zum Wettertal hin und durch das ehemalige Hospital als Zäsur im Übermaß vorhanden.
Die Münzenberger Gesamtanlage ist eine herausragende historische Siedlungsgestalt in der Wetterau. Sie wird durch den westlich vor der Stadt gelegenen Friedhof, der den Kirchhof in seiner Aufgabe als Begräbnisstätte ablöste, vervollständigt.
